Was Kaufhausfernrohre in der Praxis leisten
Frank Möller, 2001
121 Seiten, einige s/w-Bilder und Zeichnungen
ISBN 3-8311-3012-4
Verlag Books on Demand GmbH
10,80 Euro (2002)
Wer kennt sie nicht, die Angebote von einfachen Fernrohren beim Lebensmitteldiscounter oder zwischen Filtertüten und Geschirrsets beim Kaffeebohnenröster an der Ecke. Vor allem zur Weihnachtszeit werden in vielen Geschäften komplette Fernrohrsets zu einem für viele erschwinglichen Preis angeboten, die dem Käufer mit utopischen Angaben versprechen, wie leistungsfähig die Optik sei (Stichwort: 500fache Vergrößerung). Die Ernüchterung setzt dann meist zu Beginn der ersten Beobachtungsnacht ein, wenn nach langem Suchen und Einstellen der Mond bei 500facher Vergrößerung nicht zu fokussieren ist und die komplette Ausrüstung bei jedem Atemzug ins Schwingen gerät. Die meisten Beobachter sind dann enttäuscht und lassen das Teleskop irgendwo auf dem Dachboden verschwinden. Nur die wenigsten packt der Ehrgeiz, die Mängel mit ein wenig handwerklichem Geschick zu beseitigen, um ein verhältnismäßig gutes Fernrohr zu erhalten.
Einer der wenigen ehrgeizigen Besitzer eines solchen Gerätes ist Frank Möller, Autor des Buches „Besser ausgestattet als Galileo Galilei; was Kaufhausfernrohre in der Praxis leisten“. Das Buch richtet sich an den potentiellen Käufer eines einfachen Fernrohres. Um ihm eine Entscheidungshilfe zu geben, werden die grundlegenden Fernrohrarten Linsen- und Newton-Teleskop erklärt, jeweils im Anschluß wird genauer auf typische Vertreter wie zum Beispiel das Aldi-Teleskop eingegangen. Die mitgelieferten Komponenten und das Zubehör werden genau erklärt. Dabei beschränken sich die Erläuterungen nicht nur auf die eigentliche Funktion des Zubehörs, sondern der Verfasser beschreibt seine eigenen Erfahrungen und läßt auch Kommentare Dritter aus diversen Newsgroups und Mailinglisten mit einfließen. Durch diese Vielfalt werden die einzelnen Gegenstände unter verschiedenen Blickwinkeln betrachtet.
In einem eigenen Kapitel werden die Alternativen zu den Kaufhausfernrohren behandelt. Dazu werden die unterschiedlichen Qualitätsstandards von Billigfernrohren und den teureren Angeboten verglichen, und von welchen Vorzügen der Benutzer im wesentlichen profitieren wird. Der Hauptnachteil eines Qualitätsfernrohrs ist natürlich der abschreckend hohe Anschaffungspreis, aber warum muß es sich denn unbedingt um ein neues Fernrohr handeln? Viele Händler verkaufen Ausstellungsstücke zu einem deutlich reduzierten Preis, und dann gibt es natürlich noch die etwas gewagtere Alternative Gebrauchtmarkt. Der Fernrohrkäufer erhält eine Reihe von Tips, worauf vor allem bei einem Gebrauchtkauf zu achten ist, welche Teil schnell verschleißen und was leicht selbst ersetzt werden kann. Eine weitere Möglichkeit ist natürlich die Anschaffung eines Fernglases, dies kann ja auch außerhalb der Astronomie sinnvoll eingesetzt werden.
Ein vor allem für den Einsteiger in das Hobby Astronomie wichtiges Kapitel beschäftigt sich intensiv mit den Beobachtungsmöglichkeiten der Kaufhausteleskope. In den Hochglanzprospekten werben die Hersteller oftmals mit hervorragenden Astrofotos, so daß bei manchem der Eindruck entsteht, man könnte die Objekte am Himmel entsprechend gut und sogar in Farbe sehen. Der Autor berichtet sehr realistisch von seinen Erfahrungen aus der Mond-, Sonnen- und Planetenbeobachtung und beschreibt, was der Beobachter tatsächlich erwarten kann. Bei der Deep-Sky Beobachtung wird ein wenig Hintergrundwissen zu den Objektklassen vermittelt und einige markante und leicht zu findende Objekte werden vorgeschlagen, die bereits bei geringer Fernrohröffnung ein gewisses Erfolgserlebnis garantieren. Der Astrofotografie sind vor allem durch die meist unterdimensionierte Montierung enge Grenzen gesetzt, trotzdem wird auch dieser Bereich nicht ausgelassen. Selbst aktuelle Möglichkeiten der Fotografie, wie mit einer Webcam oder Videokamera, werden behandelt.
Intensiv wird auf mögliche technische Verbesserungen der Ausrüstung eingegangen. Ausführlich wird der Bau eines einfach herzustellenden Stativs aus Dachlatten und Scharnieren zur Mittenaussteifung vorgestellt, denn neben der Montierung ist das meist unterdimensionierte Stativ einer der Hauptgründe für die Schwinganfälligkeit des Fernrohrs. Eine Transportkiste soll einen schonenden Transport gewährleisten und gleichzeitig als Staubschutz dienen. Und falls die Optik doch im Laufe der Zeit verschmutzen sollte, wird auch die Pflege und Säuberung der Optik behandelt. Noch immer vervollständigen einige Anbieter mit einem Okularsonnenfilter das Teleskopzubehör, daher zeigt der Autor ausführlich, wie sich mit einfachen Hilfsmitteln ein sicherer Objektivsonnenfilter mit entsprechender Schutzfolie bauen läßt. Weitere Verbesserungsvorschläge beschäftigen sich mit dem oftmals schwergängigen Okularauszug oder dem wackeligen Sucherfernröhrchen. Insgesamt werden in diesem Kapitel fast alle notwendigen Verbesserungen vorgestellt, und wie Sie mit haushaltsüblichen Mitteln und Werkzeugen bewerkstelligte werden können.
Im Anhang wird auf die Notwendigkeit und die Vorteile des Einnordens einer parallaktischen Montierung eingegangen. Nach einer ausführlichen Beschreibung folgt eine kurze und übersichtliche Auflistung der erforderlichen Schritte, die der Reihe nach abgearbeitet werden sollten.
Dieses Buch richtet sich vor allem an die Käufer eines typischen
Kaufhausfernrohres und / oder an die frustrierten Besitzer, die noch nicht
aufgegeben haben und es nochmals versuchen möchten. Durch den aufgelockerten
Schreibstil eines Praktikers, ergänzt durch eine Vielzahl von Meinungen
Dritter, wird gut lesbar viel Wissen vermittelt. Ohne Schönmalerei
werden die Möglichkeiten und Mängel der Optiken und des Zubehörs
aufgezeigt, und wie sie kostengünstig verbessert werden können.
Ein paar mehr Bilder und Graphiken würden dabei das ansonsten etwas
dünn bebilderte Buch bestimmt anschaulicher machen. Das Buch ist auf
aktuellem Stand (2001), fast alle Preise sind schon in Euro angegeben.
Etwas nachteilig empfinde ich, daß das Buch nur bestellt werden kann
und nicht in einer Buchhandlung zur Ansicht ausliegt. Nach der Bestellung
wird ein Exemplar gedruckt, worauf möglicherweise die etwas längere
Lieferzeit (bei mir drei Monate) und der schräge Buchschnitt zurückzuführen
sind. Trotzdem kann ich das Buch vor allem als Ergänzung zum Fernrohrkauf
uneingeschränkt empfehlen.
Die Buchkritik erschien in Magellan 4/2002.